Verhaltensänderungs-Apps

Übersicht über aktuelle auf dem Markt verfügbare Apps zur Verhaltensänderung (Substanzkonsum/Verhaltenssüchte) (August 2019 – Juni 2020)


Im Rahmen der Evaluation von Apps zur Reduktion von stoffgebundenen und Verhaltenssüchten im Auftrag der BZgA untersuchte das Institut für E-Beratung das aktuelle Angebot an deutschsprachigen Apps, die für sich in Anspruch nehmen, eine entsprechende Verhaltensänderung zu bewirken.
Dazu wurde zunächst der Stand der internationalen Fachliteratur erhoben und die dort gewonnenen Erkenntnisse für die Analyse der deutschsprachigen Apps nutzbar gemacht. Neben einer Übersicht aller deutschsprachiger Apps zu dem vorliegenden Problembereich, zum Stichtag 220, wurde eine Auswahl von 45 Apps vertieft auf ihre inhaltliche Gestaltung, wissenschaftliche Unterfütterung und rechtlich-technische Gestaltung, insbesondere in Bezug auf den Schutz personenbezogener Daten untersucht.
Die Ergebnisse stellen die Grundlage für 5 Handlungsempfehlungen in diesem Feld dar, die sowohl einzeln als auch in Kombination zu einer verbesserten Versorgung der Menschen mit Suchtproblemen in Deutschland führen können.


Ergebnisse

Systematische Literaturrecherche

Die systematische Literaturrecherche lies einen Trend zu Studien vor allem zu Alkohol, Tabak oder sonstigen illegalen Substanzen (z.B. Cannabis oder Heroin) erkennen, wohingegen andere substanzun-gebundene Verhaltenssüchte, wie z.B. Essstörungen oder Glücksspiele kaum, Medikamente gar kein Gegenstand solcher Studien sind.

Es lässt sich ein Trend bezüglich der Erscheinungsjahre erkennen: ab dem Jahre 2010 kommt es zu einer Steigerung der Studienanzahlen. Diese kann mit der wachsenden Nutzung von Smartphones in Verbindung gebracht werden, auch hier lässt sich ein Wachstum seit 2010 verzeichnen.

(vgl. Tenzer 2020)
Gemessen an der Menge der Apps rund um die verschiedenen Suchterkrankungen, ist die Menge an wissenschaftlichen Studien zu diesen Apps sehr gering. Betrachtet man die einzelnen Stoffgruppen, so wird deutlich, dass die Studienlage zu Apps zu Alkohol und Tabak sehr gut ist. Das wissenschaftliche Wissen in diesem Bereich ist elaboriert und es existieren zumindest im englischsprachigen Bereich einige Apps, deren Wirkung wissenschaftlich evaluiert ist. Das Problem ist hier, dass diese wenigen „Perlen“ in der Maße des Angebots unterzugehen drohen. Bedenklich mag außerdem stimmen, dass sich der hohe inhaltliche Wert dieser Apps in den Nutzerbewertungen und Downloadzahlen kaum widerspiegelt. Neben der Fortführung der wissenschaftlichen Studien, in denen vor allem die genauen Wirkmechanismen verschiedener Gestaltungselemente untersucht werden sollten, ist eine große Herausforderung in diesen Bereichen, die Qualität der evaluierten Apps so zu kommunizieren, dass sich auch diese Apps stärker verbreiten, als andere.
Im Bereich der illegalen Drogen gibt es insbesondere zu allgemeinen internetbasierten Programmen hochwertige Studien. Diese liegen zu Apps jedoch weder im Bereich der Prävention noch der Therapie vor. Es deutet allerdings einiges darauf hin, dass die Wirkprinzipien, die bei Apps zu Alkohol und Tabak gefunden wurden, auch in Apps zu illegalen Drogen wirken könnten. Einzelne Apps liegen hier auch bereits vor und haben vielversprechende Evaluationsergebnisse. Dennoch könnten hier weitere Stu-dien zu hochwertigen Apps sowohl im Präventions- als auch im Therapiebereich weitere wichtige Informationen liefern, sowie Bedarfslücken schließen.
Im Bereich der Verhaltenssüchte und allgemeinen psychischen Gesundheit existieren hauptsächlich Umsetzungen wissenschaftlich belegter Therapieverfahren aus der Offline-Therapie, die gute Wirkungen zeigen. Hierbei funktionieren diese aber nicht als klassische App, sondern eingebettet in eine therapeutische Behandlung. Darüber hinaus liegen kaum belastbare Studien und damit evaluierte Apps vor. Auch hier besteht die Hoffnung, dass die Wirkungsweisen, die aus den alkohol- und tabakbezogenen Apps bekannt sind, adaptiert werden können. Aktuell liegen keine fundierten Hinweise auf Apps in diesem Bereich vor, die wissenschaftlich untermauert sind.

Analyse der Apps in den deutschsprachigen App-Stores

Dem ursprünglich vorgesehenen Analyseraster aus 11 Kategorien wurden weitere hinzugefügt. Einige ergaben sich erst im Laufe der Analyse, damit weitere relevante Informationen erfasst werden konnten. Im Ergebnis standen 25 Kategorien für die Erstanalyse und etwa noch einmal so viele für die Tiefenanalyse ausgewählter Apps.
Ein erster Kategorienbereich entstand im Zusammenhang mit der Auffindbarkeit der Apps:

  • Redaktionelle Bereiche in den Stores und
  • Suchbegriffe unter denen die App gefunden wird.

Ein weiterer Bereich beschäftigt sich mit detaillierteren Informationen der Apps:

  • zu den Entwicklern;
  • zu den Webseiten wie Sprache, Downloadzahlen, Bewertungen, USK Einschätzungen;
  • zu Kosten;
  • zum letzten Aktualisierungsdatum;
  • zu den Zielsetzungen.

Die Apps mussten zunächst in den beiden App-Stores identifiziert und später in einem weiteren Schritt heruntergeladen werden. Die Literaturanalyse machte deutlich, dass die reine Verwendung von Apps, die im redaktionellen Bereich der Stores empfohlen werden, nicht ausreicht. Da sich gerade bei den legalen Drogen in der Literaturanalyse zeigte, dass eine einfache Suche nach Begriffen wie „Alkohol“ oder „Cannabis“ eine große Zahl an Apps identifiziert, die sich mit einer spaßbezogenen Nutzung der Stoffe und nicht einer Konsumreduktion beschäftigen, wurden gezielt Suchwortkombinationen generiert, die einen gesundheitsförderlichen Umgang mit den Stoffen implizieren.
Mit rund 130 Suchbegriffen wurden beide App-Stores durchsucht und insgesamt 220 Apps gefunden.

Rund 40 Suchstichwörter blieben ohne Ergebnis. Darunter waren beispielsweise das Wort „Kiffen“ in Zusammenhang mit reduzieren, verringern etc. sowie die Phrase „Weniger“: Weniger Pillen, weniger Saufen etc. aber auch beispielsweise: kontrolliertes Trinken.
Durch die vermehrte Anzahl an nicht relevanten Apps in den Stores stellte es sich als deutlich erschwert heraus, diese von relevanten Apps zu unterscheiden. Dadurch könnte es zu einer Unvollständigkeit in der Gesamterfassung der vorhandenen Apps gekommen sein. Zusätzlich handelt es sich bei dem Angebot von Apps um einen sehr flexiblen Markt mit schnellen Veränderungen (neuen Angebo-ten und Verschwinden von erfassten Apps), was diese Ungenauigkeit noch erhöhen könnte. Um diese jedoch auszugleichen, wurden sehr viele verschiedene Kombinationen von Suchbegriffen ausprobiert und auch durch die über einen Monat gestreckten Stichprobentage, konnte diese Unvollständigkeit vermutlich nahezu gehoben werden.

Statistische Übersicht zu den untersuchten Apps

  • Die überwiegende Zahl der Apps (63%) wurden ausschließlich im Google Play Store gefunden. Rund 20% der Apps ist in beiden App-Stores verzeichnet und 16% Apps finden sich nur im Apple Store.
  • Nur rund 30 Apps stammen erkennbar von gemeinnützigen Anbietern oder Krankenkassen. Zählt man die Einzelpersonen mit einschlägiger Qualifikation aus der Suchtarbeit (Ärzt*innen, Psycholog*innen, u.w.) hinzu, kommt man auf insgesamt ein Viertel aller Apps, die aus qualifizierter Hand stammen könnten. 46 Mal sind Entwickler Informationen gar nicht erkennbar.
  • Dreiviertel aller Apps listen einen Hinweis auf eine Webseite mit weiteren Informationen. Die gefundenen Webseiten sind vielfach fremdsprachig.
  • Insgesamt liegen die Bewertungen der Apps eher im positiven Bereich. Knapp 87 % der Apps er-reichen mindestens 3 von 5 Punkten, 60% aller Apps haben über 4 von 5 Bewertungspunkten.
  • Etwa die Hälfte der gefundenen Apps können komplett kostenlos genutzt werden. Ein Zehntel ist nur mit Kosten nutzbar, der Rest setzt auf Kostenfeature wie beispielsweise „In-App-Käufe“.
  • Die Mehrheit der Apps geben ein aktuelles Datum zur letzten Aktualisierung an. Ein knappes Viertel der Apps weist ein Aktualisierungsdatum vor 2018 auf.
  • Auch bei den Apps zeigt sich, zu Tabak und Alkohol gibt es viele Angebote. Ekzessive Mediennutzung liegt an dritter Stelle, sonstige illegale Substanzen werden seltener adressiert.

Vertiefte Analyse ausgewählter Apps

Ausgehend von den Erkenntnissen aus der Literaturanalyse wurde, gewissermaßen als Synopse des dort vorgefundenen Kenntnisstandes das allgemeine Analyseraster um einige Kategorien erweitert.
• Aufbau und Funktionsweise
• Zielsetzung
• Interventionsansatz
• Wirkannahmen
• Evaluationsstudien
• Elemente zur Verhaltensänderung
• Einbindung von Berater*innen
• Automatisierung
• Werbung
• Datenweitergabe und Berechtigungen
Aus den 220 gefunden Apps wurden 45 ausgewählt, die tiefenanalysiert wurden. Da sich bereits in der Literaturanalyse zeigte, dass die Bewertungen und Downloadzahlen in den App-Stores kein sicheres Indiz für den suchttherapeutischen Wert einer App darstellen, wurde die Auswahl der Apps für die Tiefenanalyse in einem mehrgliedrigen Verfahren unter Einbindung der Expertise der BZgA durchgeführt. Leitend waren eine Verteilung auf beide App-Stores sowie die unterschiedlichen Stoffgruppen. Zudem ergab sich eine Zuordnung über die Tatsache, ob sich eine App spezifisch auf einen bestimmten Stoff, bzw. eine bestimmte Verhaltenssucht beziehen, oder ein breiteres Stoff- und Störungsfeld ansprechen.
Zusammenfassend kann man sagen: Qualität ja, aber schlecht auffindbar. Es gibt hochwertige und wirksame Apps vor allem im Bereich Alkohol und Tabak, kaum zu illegalen Suchtmitteln. Doch die große Menge an qualitativ zweifelhaften Apps verstellt den Blick. Die Qualitätssicherungssysteme der App-Stores geben keinen Aufschluss über wissenschaftliche Qualität. Vereinzelt gab es innovative Ideen, beispielsweise
Das mit Abstand am weitesten verbreitete Element zur Verhaltensänderung ist der Einsatz von Konsumtagebüchern. Dabei unterscheidet sich stark, wie die reine Aufnahme von konsumierten Stoffen weiter verarbeitet wird. In sehr einfach gehaltenen Apps wird lediglich visualisiert, wieviel konsumiert wurde. Grade im Bereich Tabak werden die nicht gerauchten Zigaretten in Relation zum gesparten Geld, der Verbesserung der Gesundheit und der Verlängerung der Lebenszeit gesetzt.
Ein weiteres wichtiges Element sind Informationen rund um die jeweilige Sucht bzw. den betreffenden Stoff. Dabei kann die Qualität der Informationen sehr unterschiedlich sein, von sehr einfach recher-chierten bis zu wissenschaftliche fundierten Informationen.
Daneben sind Kontaktinformationen zu Beratungsstellen ein wichtiges Element, ebenso wie die Er-möglichung von Kontakt. In einigen Apps sind erkennbar Berater*innen über Chat oder Hilfetelefone eingebunden. In den meisten Apps sind allerdings keine, in zwei Fällen nur virtuelle Berater*innen eingebunden.

Ein weiteres Element sind Testverfahren, die von einer unverbindlichen Einschätzung der Ausprägung des Poblems bis zu fundierten wissenschaftlichen Instrumenten in Form von Selbsttests reichen.
Neben diesen weit verbreiteten Elementen sind auch einige exotischere Appstrukturen zu beobachten: Saferuse, belehrend wirkende automatisierte Dialoge, Akupressur, Hypnose aber auch spielerische Ansätze wurden gefunden, ebenso wie die Integration von Gadges.
Die häufigste Zielsetzung ist „Abstinenz“, welche mit „Reduktion“ als häufigste Kombination vorkommt.
Etwa ein Drittel der Apps verwenden Werbung. Häufig ist diese Werbung über das Bezahlen eines gewissen Betrags im Rahmen von In-App Käufen verhinderbar. Es ist davon auszugehen, dass die Einbindung von Werbung aus datenschutzrechtlicher Sicht bedenklich ist. Angaben zum Thema Datenschutz finden sich bei der Mehrheit der Apps. Korelliert man diese Angaben mit den verlangten Zugriffsberechtigungen auf Smartphonefunktionen beim Download, ergibt sich ein für den Nutzer ein sehr unübersichtliches Bild.

Fazit und Empfehlungen

Trotz des breiten Angebots an Apps zu stoffgebundenen und Verhaltenssüchten ist der Zugang zu hochwertigen, wissenschaftlich evaluierten Apps schwierig. Die Literaturlage zeigt, dass nur ein kleiner Teil der Menschen, die erfolgreich eine Sucht besiegt haben, dies mit der Hilfe einer App erreicht haben. Zusätzlich zeigt die Studienlage jedoch auch, dass es Apps gibt, die zumindest bei bestimmten Stoffgruppen sehr gut, wissenschaftlich belegte Erfolge verbuchen können. Die Tiefenanalyse der deutschsprachigen Apps zeigte ebenfalls, dass in einigen Bereichen bereits Apps vorliegen, die eine hohe Qualität aufweisen. Als zentrales Organ in der bundesdeutschen Gesundheits- und Suchthilfe stellt sich der BZgA daher die Aufgabe, diese Problematik durch geeignete Maßnahmen zu verringern und breiten Bevölkerungsschichten einen niedrigschwelligen Zugang zu hochwertigen Unterstützungsapps zu gewährleisten. Die Daten der vorliegenden Studie können dabei eine wichtige Orientierungshilfe sein.
5 Handlungsoptionen können aus den vorliegenden Daten abgeleitet werden:
• Verantwortungsvolles Monitoring der verbreitetsten Apps
• Erschließung weiterer Nutzergruppen
• Sinnvolle Eigenentwicklungen
• Anwendung innovativer Technologien
• Übersetzung gut evaluierter Apps