Programm 2017

Unter dem Stichwort der Mediatisierung des Alltags erleben wir eine zunehmende Verschmelzung des persönlichen an Präsenz gebundenen Kommunikationsnetzes mit einem zweiten weitgehend digital vermittelten Kommunikationssystem im Alltag. Im Beratungsbereich haben sich durch den Einsatz internetgestützter Medien bereits innovative Angebote einer Onlineberatung bzw. einer digitalen Beratungskommunikation herausgebildet (z.B. Telefonseelsorge etc.). Es bedarf jedoch im Sinne der Zukunftsfähigkeit nach wie vor einer interdisziplinären Integration internetbasierter Interventionen in den beruflichen Alltag der jeweiligen beratenden Fachkräfte.

Simultan zeigen informationstechnologische Entwicklungen mit neuen potenziellen Anwendungen weitere Diskussionsthemen auf: Welche Rolle kann affective Computing im Beratungseinsatz spielen? Wie kann eine Kooperation/ Koordination von Bots und Beratern ablaufen? Können serious games als Interventionsplattformen dienen? Kann Augmented Reality/Virtual Reality eine Übungshilfe für das „richtige“ Leben darstellen? etc.

Informationen, Diskussionen und Positionen sind gefragt, um informationstechnologische Entwicklungen für die Menschen nutzbar zu machen, qualitativ zu bewerten und Weiterentwicklungen zu begleiten. Das diesjährige Fachforum möchte hierzu Austausch, Denkanstöße und Vernetzungsmöglichkeiten bieten.

Herzliche Einladung nach Nürnberg!

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Montag, 18.09.2017
11:30 – 12.30 Anreise und Stehkaffee
12:30 – 12:45 Begrüßung
12:45 – 15:00 Vortrag: 10 Jahre Fachforum Onlineberatung – zur Entwicklung und zum Stand psychosozialer Onlineberatung

Vortrag: Zur Wirksamkeit von Onlineberatung und -therapie – Ein Überblick über Ergebnisse internationaler Evaluationsforschung

15:00 – 16:00 Kaffeepause / Büchertisch / Austausch / Präsentationen von Softwareanbietern
16:00 – 18:00 Workshops
ab 18:00 Get together, Buffet
    Dienstag, 19.09.2017
09:00 – 10:15 Vortrag: Implementation von Online-Interventionen in den Versorgungsalltag

10:15 – 11:30 Kaffeepause und Präsentation der Workshops & Ergebnisse
11:30 – 13:00 Fachgespräch zu Entwicklung und Perspektiven von Onlineberatung und Onlinetherapie

  • Dr. Björn Enno Hermans (Vorsitzender DGSF)
  • Dr. David Ebert (Vertreter DGPPN)
  • Prof. Dr. Marc Weinhardt (Vorstand DGfB )
  • Dr. Daniela Ruf (Referentin DCV)
  • Heinz Thiery (Vorsitzender DGOB)

Moderation: Helmut Paschen, Profamilia – sextra

ab 13:00 Imbiss / Abreise


Übersicht über die Workshops (Montag 16–18 Uhr):

Workshop 1

Fakes in der Onlineberatung – absichtliche Täuschung oder grundlegendes Phänomen der Inszenierung im Schreiben?

Immer wieder haben es Berater_innen mit der Frage zu tun: ist diese Anfrage „echt“, verbirgt sich hinter der schreibenden Person jemand anderes als dargestellt und geht es wirklich um den formulierten Hilfebedarf oder um etwas ganz anderes? Unsicherheit, Unverständnis oder Verärgerung können die Folge sein. Andererseits stellen der Umgang mit virtueller Inszenierung und der eigenen Resonanz, die Bewusstheit über Phänomene von Inszenierung in Dynamiken inner- und interpersonell, eigenes Reflexionsvermögen und ein verstehender und systemischer Zugang jenseits der Wahrheitssuche grundlegende professionelle Kompetenzen in der Onlineberatung dar.
In dem Workshop wird es darum gehen, unterschiedliche Erfahrungen und Herangehensweisen auszutauschen und einen verstehenden Umgang mit diesem Themenkomplex zu entwickeln.

Referentin: Karima Stadlinger, (Schattenriss e. V., Bremen)

Workshop 2

Umgang mit Krisen in der Onlineberatung

Lassen sich auftretende Krisen auch online lösen? Welchen Unterschied macht es für mich, dass der/die Klient*in in einer akut krisenhaften Situation nicht vor mir sitzt und ich ihm/ihr „online gegenüberstehe“? Der Workshop soll zu einem gemeinsamen Austausch anregen, welche Anfragen als krisenhaft oder schwierig empfunden werden und welche Möglichkeiten es gibt adäquat darauf zu reagieren. Anhand von Fallbeispielen aus der Suizidprävention kann Krisenintervention ausprobiert und diskutiert werden. Die Workshopteilnehmer*innen sind herzlich dazu eingeladen eigene Fallbeispiele einzubringen, um sich hierüber mit den anderen Teilnehmer*innen auszutauschen.

Referentin: Clara Nordfeld, (U25 Freiburg e.V.)

Workshop 3

Gefährliches Halbwissen bei strafrechtlicher Schweigepflicht

Die Begriffe „Vertraulichkeit“ und „Schweigepflicht“ sind in der Praxis in aller Munde. Doch fragt man Berater*innen, was das konkret bedeutet, ist oft nicht einmal bekannt, wer genau unter die strafrechtliche Schweigepflicht fällt oder was in diesem Zusammenhang etwa das Zeugnisverweigerungsrecht bedeutet. Die wenigsten wissen außerdem, unter welchen Bedingungen eine gerechtfertigte Offenbarung vertraulicher Geheimnisse trotz Schweigepflicht rechtlich möglich oder sogar geboten ist. All diese Fragestellungen gelten für die Onlineberatung ebenso wie bei Face-to-face-Beratung, werden bei Internetvernetzung aber durch die hinzukommende Technik noch komplexer.
Es zeigt sich also, dass zentrale Aspekte für eine qualifizierte Beratung vielfach nicht im Blick sind. Eine fachlich fundierte und ethisch zu verantwortende Beratung würde es aber erfordern, die damit verbundenen beratungsfachlichen, rechtlichen und technischen Probleme zu bearbeiten. So würden zugleich die damit einhergehenden Risiken wie Strafbarkeit und Schadensersatzpflicht minimiert werden.
In diesem Workshop werden praxisrelevante Beispiele für verbreitetes Halbwissen bezüglich strafrechtlicher Schweigepflicht aufgezeigt, fachlich wie rechtlich eingeordnet und vertretbare technische Internetlösungen skizziert und diskutiert. Durch die Darstellung von Fallbeispielen – unter anderem von höchstrichterlichen Entscheidungen – wird konkret veranschaulicht, welche Situationen problematisch werden können. So lernen die Teilnehmer*innen in diesem Workshop, die eigene Onlineberatungstätigkeit gezielter zu reflektieren, um ihre Arbeit auch in Bezug auf die Vertraulichkeit der Beratung im Internet weitergehend professionalisieren zu können.

Referent: Dr. Joachim Wenzel, (spi Mainz)

Workshop 4

Medialer Wandel in der Onlineberatung

Mail, Chat, Foren – die letzten zwanzig Jahre waren von diesen Medien geprägt. Aber sind diese Medien für Onlineberatung noch aktuell? In Social Media und Instant Messaging Apps kommunizieren die Menschen derzeit vor allem in digitalen Kanälen, in denen Onlineberatung wenig präsent ist. „Virtual Reality“ und „Artificial Intelligence“ stehen zudem in den Startlöchern und suchen sich ihren Platz in Beratung und Therapie. Arbeiten wir noch mit den richtigen Medien? Brauchen wir neue Medien? Wie kann cross-mediales Arbeiten gelingen? Wir blicken voraus!

Referent: Stefan Kühne, (Wien)

Workshop 5

Mensch und Maschine in der Beratung: Potenziale und Risiken neuster technischer Entwicklungen

Neue technische Entwicklungen bieten Chancen und Risiken für die Kooperation zwischen Mensch und Maschine. Neuen Trends wie Chatbots, Augmented und Virtual Reality, Quantified Self oder Gamification wird ein großes Potenzial bei der Veränderung menschlicher Interaktion vorhergesagt. Was bedeutet das für die Zukunft der psychosozialen, psychologischen bzw. psychotherapeutischen Angebote im Netz? Was sind Hypes, die -ähnlich wie Second Life- nach kurzer Zeit in der Versenkung verschwinden, was wird die Kommunikation im Netz auf Dauer prägen? Welche Szenarien sind erwartbar, welche wünschbar?

Referent: Prof. Dr. Robert Lehmann, (TH Nürnberg)

Workshop 6

Face to face und mehr. Aktuelle Überlegungen zu Blended Counseling

Die Idee des Blended Counseling, verstanden als Kombination von virtuellen und traditionellen Kommunikationskanälen in der Beratung, hat sich in den vergangenen Jahren zusehends verbreitet. Die Vorteile der einzelnen Kommunikationskanäle in der Beratung gezielt zu verschränken, ist innovativ und gewinnbringend und zeigt insbesondere in der Sozialen Arbeit zahlreiche Potenziale. Bisher fehlen allerdings systematisch entwickelte und erprobte Blended Counseling-Szenarien.
Im Rahmen eines Projektes in der Nordwestschweiz werden derzeit Blended-Counseling-Szenarien für die Suchtberatung entwickelt, erprobt und evaluiert. Die ersten Projektergebnisse werden im Workshop präsentiert und zur Diskussion gestellt.

Referentin: Prof. Dr. Martina Hörmann, (Fachhochschule Nordwestschweiz)

Tagungsprogramm zum Download
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